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Prof. Dieter Vaitl steht, wenn man so will, in der unmittelbaren Traditionslinie, die noch direkt auf den Institutsgründer Prof. Hans Bender (1907–1991) zurückgeht. Professor Johannes Mischo (1930-2001) folgte 1975 Bender zuerst auf dessen Lehrstuhl für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie an der Universität Freiburg und übernahm dann nach Benders Tod 1991 auch die Leitung des IGPP. Im Jahr 2001, nach Mischos Tod, wurde Dieter Vaitl dann Institutsdirektor und übernahm 2 Jahre später auch den Vorsitz des IGPP-Trägervereins. Da Vaitl selbst noch Lehrstuhlinhaber für Klinische und Physiologische Psychologie an der Universität Gießen war, pendelte er mehrere Jahre zwischen Gießen und Freiburg, und wurde in der Institutsleitung ‚vor Ort‘ durch ein Management Board aus den damaligen Abteilungsleitern tatkräftig unterstützt.

Dieter Vaitls Beziehung zum Institut und zur Freiburger Parapsychologie geht auf jene Jahre zurück, als sich das 1950 gegründete Institut noch auf der „Eichhalde 12“ in Freiburg-Herdern auf dem viel beschworenen „Magischen Hügel“ befand – er war dort von 1964 bis 1967 als studentische Hilfskraft beschäftigt und hielt diese private Forschungsstätte, ihren Gründer und die ‚anima‘ des Instituts, die langjährige Geschäftsführerin Frau Lotte Böhringer (1917-1994), immer in bester Erinnerung. Dies geht aus dem Brief hervor, den er seinem akademischen Lehrer, eben Hans Bender, zu dessen 80. Geburtstag am 5. Februar 1987 geschrieben hatte und der in dem zu diesem Anlass von mir herausgegebenen Sonderheft der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie (Jg. 29, Heft 1, 1987) nachzulesen ist.

In seinen dort beschriebenen Erinnerungen an seine damalige „Eichhalde-Zeit“ figuriert – neben der Teilnahme an den sog. Tonbandeinspielungen mit Konstantin Raudive in Bad Krozingen – auch Dieter Vaitls Begegnung mit dem ‚Spukmedium‘ H. S., das mit Rhineschen Kartenversuchen auf mutmaßliche ASW-Leistungen (ASW: aussersinnliche Wahrnehmung) getestet wurde und damals das kleine Eichhalde-Team in Atem hielt, zumal vier IGPP-Mitarbeiter selbst persönlich Zeugen spektakulärer physikalischer Phänomene geworden waren, landläufig als ‚spontane Psychokinese‘, vulgo ‚Spuk‘, bezeichnet.

In dem von mir erwähnten Brief an seinen akademischen Lehrer Hans Bender registriert Dieter Vaitl, dass diesem – Bender – „die Glücksfeindlichkeit vieler älterer Menschen fern“ sei. Was man sicher mit Fug und Recht auch von ihm – Dieter Vaitl – sagen konnte, der auf Komplimente über sein schmuckes Äußeres gerne erwiderte: „Der Erpel zeigt sein Gefieder“.

Eberhard Bauer

Als Prof. Vaitl 2001 Direktor des IGPP wurde, war ich Doktorand und einer der ersten Stipendiaten am Institut. Damals war das IGPP noch finanziell reichlich mit den Zuwendungen der Holler-Stiftung ausgestattet. Es gab Abteilungen und dreimal mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als aktuell. Das Gießener An-Institut, das „Bender Institute for Neuroimaging“, nahm gerade seinen Betrieb auf. Bald darauf zeichnete sich ab, dass sich die jährlichen Zuwendungen der Holler-Stiftung plötzlich drastisch reduzierten und von nun an Kürzungen und Sparen angesagt waren. Damals gab es viele Gerüchte, dabei auch Unmut und Kritik.

Im Juli 2022 wurde ich zum Institutsdirektor ernannt. In meiner neuen Funktion erlangte ich unter anderem auch Einblicke in die Entwicklung der finanziellen Situation über die letzten 20 Jahre und die großen finanziellen Probleme der letzten 10 Jahre. Rückblickend kann ich feststellen, dass Dieter Vaitl das Institut 20 Jahre lang mit Umsicht, Weitblick und großem Engagement durch herausfordernde Zeiten führte. In diesem Sinne ist auch sein persönliches Abschiedsgeschenk zu verstehen – zur Feier des 70-jährigen Gründungsjubiläums des IGPP im Frühjahr 2020 erschien der von ihm herausgegebene Forschungsband „An den Grenzen unseres Wissens – Von der Faszination des Paranormalen“. Die ca. 30 Kapitel beschreiben zusammenfassend die pluridisziplinäre Institutsarbeit der letzten 20 Jahre, die während seiner maßgeblichen Leitung entstanden ist.

Von meinen Begegnungen mit Prof. Vaitl als Doktorand am Institut wird mir immer seine scherzhafte Standardfrage in Erinnerung bleiben: „Und, Herr Kornmeier, wie sieht es aus? Haben Sie die Weltformel schon entdeckt?“

Heute blicke ich dankbar auf relativ kurze dreieinhalb Jahre als Institutsdirektor und Mitglied des Vereinsvorstands zurück. Prof. Vaitl war bis zu seinem Tod Vorstandsvorsitzender. Für unsere Vorstandssitzungen waren Eberhard Bauer und ich regelmäßig im Hause Vaitl zu Gast und von seiner Frau Christel bestens umsorgt. In dieser Zeit durfte ich Dieter Vaitl noch einmal von einer anderen Seite kennen und schätzen lernen. Die Zusammenarbeit mit ihm im Vorstand war immer professionell, vertrauensvoll und von gegenseitiger Wertschätzung geprägt.

Als Institutsdirektor und Vorstandsvorsitzender hat Dieter Vaitl das IGPP über viele Jahre entscheidend geprägt. Und bis zuletzt lag ihm unser Institut und dessen Zukunft sehr am Herzen.

Der Tod ist natürlich auch ein Grenzgebiet der Psychologie, und die Frage, ob danach noch etwas kommt – das altehrwürdige „survival“-Problem der Society for Psychical Research – ist auch ein Thema unseres Instituts. Ich würde sagen, es gibt interessante Literatur zu diesem Thema, aber die Frage ist weiterhin offen. Falls der Tod nicht das Ende sein sollte, hat Dieter Vaitl jetzt vielleicht eine Antwort auf die Frage nach der Weltformel. Ich werde ihn jedenfalls im Diesseits vermissen.

Jürgen Kornmeier

Referenzen

Vaitl, D. (2020). An den Grenzen unseres Wissens. Von der Faszination des Paranormaln. Herder.

Vaitl, D. (1987). Brief zum 80. Geburtstag von Hans Bender. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, 29(1).