Beratungspsychologischer Forschungsbereich

Dieser Forschungsbereich ist in der Beratung von Menschen mit Außergewöhnliche Erfahrungen (AgE) verankert. Das umfangreiche und fortlaufend erhobene Datenmaterial ist Grundlage für ein Dokumentationssystem des Beratungsgeschehens. In diversen Kooperationsprojekten werden Fragebogenstudien zur Ausprägung und Verbreitung spezifischer AgE-Formenkreise in unterschiedlichen Vergleichspopulationen durchgeführt Darüber hinaus wird ein systemtheoretischer Ansatz zum Verständnis und zur Modellierung des psychophysischen Geschehens bei AgE ausgearbeitet.

Laufende Projekte

  1. Fortlaufende Dokumentation des Beratungsaufkommens
  2. Mit dem 1998 eingeführten Dokumentationssystem (DOKU) wurden bislang mehr als 4200 Ratsuchende am IGPP erfasst. Die Datenerhebung umfasst die Soziodemographie, die Lebensumstände, die Ausprägung klinisch bedeutsamer Variablen und insbesondere eine detaillierte Erfassung der Umstände und phänomenologischen Merkmale von AgE. Zusammen mit der ausführlichen Dokumentation der Beratungsverläufe (Protokolle, Audio- und Videoaufzeichnungen, psychodiagnostische Tests) wird umfangreiches Ausgangsmaterial für die wissenschaftliche Erforschung von AgE generiert. Zusätzlich zum DOKU wird der am IGPP entwickelte und 2011 revidierte Fragebogen zur Erfassung der Phänomenologie außergewöhnlicher Erfahrungen (PAGE-R) - seit 2012 auch in einer Online-Version - routinemäßig eingesetzt, um weitere Informationen anhand von Selbsteinschätzungen der Ratsuchenden zu gewinnen.

    Mitarbeiter: Bauer, Fach, Schupp und Wiedemer

    Publikationen:

    Bauer, E., Belz, M., Fach, W., Fangmeier, R., Schupp-Ihle, C. & Wiedemer A. (2012). Counseling at the IGPP - An overview. In: Kramer, WH., Bauer, E., Hövelmann, GH. (eds.) Perspectives of Clinical Parapsychology. Bunnik: Stichting Het Johan Borgman Fonds; 149-167.

  3. Mentale Repräsentation von AgE
  4. In einem theoretisch-konzeptuellen Teil werden basierend auf Metzingers Theorie der mentalen Repräsentation und Stabilitätseigenschaften mentaler Zustände verschiedene Klassen außergewöhnlicher Erfahrungen (AgE) definiert ("kategorial", "akategorial", "nicht-kategorial", vgl. 5.). Vier Phänomen-Grundklassen von AgE lassen sich als spezifische Abweichungen von Wirklichkeitserwartungen im Hinblick auf die Lokalisation (internal vs. external) und/oder Relation (Koinzidenz vs. Dissoziation) von Repräsentationen in einem dualistischen Realitätsmodell mit den Kategorien "Selbst" und "Welt" beschreiben (Abb. 1). Die vier theoretisch abgeleiteten Phänomen-Grundklassen sind Ausgangspunkt empirischer Studien. Auf ihrer Grundlage sollen mit statistischen Analysen von mehr als 2500 mit dem DOKU (vgl. 1.) erfassten AgE-Fällen die bereits in einer früheren IGPP-Studie (Belz-Merk u. Fach 2012) faktorenanalytisch gefundene Formenkreise ("Spuk und Erscheinungen", "internale Präsenz und Beeinflussung-, "außersinnliche Wahrnehmung", "sinnvolle Fügungen", "externale Präsenz und Nachtmahr-", "Automatismen und Mediumismus") verifiziert und weiter ausdifferenziert werden. In einem dritten Teil werden Zusammenhänge zwischen den empirischen AgE-Formenkreisen und psychischen und psychosozialen Bedingungen erforscht.

    Mitarbeiter: Fach

    Publikationen:

    Belz, M. & Fach, W. (2012). Theoretical reflections on counseling and therapy for individuals reporting ExE. In: Kramer WH, Bauer E, Hövelmann GH (eds) Perspectives of Clinical Parapsychology. Bunnik: Stichting Het Johan Borgman Fonds; 168-189.

  5. Empirische Studien mit dem PAGE-R
  6. In einer Vergleichsstudie mit dem PAGE-R (vgl. 1.) wurden ehemalige Ratsuchende des IGPP (N=176) nachbefragt und die Ergebnisse mit denen einer an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich durchgeführten repräsentativen Befragung der Schweizer Normalbevölkerung (N=1580) verglichen (Fach et al. 2013; Landolt et al. 2014). In beiden Stichproben fanden sich die vier Phänomen-Grundklassen wieder (vgl. 2.). Die Durchschnittshäufigkeit von AgE liegt in der Normalbevölkerung in allen Bereichen um etwa 50 Prozent niedriger als bei den Ratsuchenden. Ob Menschen mit AgE Hilfe benötigen und/oder suchen, hängt offensichtlich von der Frequenz und Intensität ihrer AgE, ihren Interpretationen und persönlichen Kontrollüberzeugungen und koexistierenden psychischen Störungen ab. In laufenden Projekten werden über Kooperationsprojekte interkulturelle Vergleichsstudien mit einer inzwischen vorliegenden englischen Version des PAGE-R iinitiiert.

    Mitarbeiter: Fach

    Kooperationspartner:

    H. Atmanspacher, IGPP; Collegium Helveticum, Zürich
    Lic. phil. Karin Landolt, Collegium Helveticum, Zürich
    M.sc.Thomas Wyss, Collegium Helveticum, Zürich
    Dr. Ulrich Ott (BION), Universität Gießen
    Prof. Dr. Dr. Wulf Rössler, Psychiatrische Universitätsklinik und Collegium Helveticum Zürich
    Dipl.-Psych. Alexander Siller (IGPP)
    Prof. Dr. Christine Simmonds-Moore, University of West Georgia

    Publikationen:

    Fach, W., Atmanspacher, H., Landolt, K., Wyss, T. & Rössler, W. (2013). A comparative study of exceptional experiences of clients seeking advice and of subjects in an ordinary population. Frontiers in Psychology; 4: 65. doi: 10.3389/fpsyg.2013.00065

    Landolt, K., Wittwer, A., Wyss, T., Unterassner, L., Fach, W., Krummenacher, P., Brugger, P., Haker, H., Kawohl, W., Schubiger, PA., Folkers, G. & Rössler, W. (2014). Help-seeking in people with exceptional experiences: results from a general population sample. Frontiers in Public Health; 2: 51. doi: 10.3389/fpubh.2014.00051

  7. Psychophysische Modellansätze
  8. Für das Verständnis abweichender psychophysischer Korrelationen, die im Zusammenhang mit AgE berichtet werden, eröffnet sich eine Alternative zu physikalistischen Interpretationen einerseits und substanzdualistischen Deutungen andererseits, wenn mentale und materielle Gegebenheiten mit einem Duale-Aspekte Monismus als gleichrangige epistemische Manifestationen einer psychophysisch neutralen Einheitswirklichkeit gedacht werden Auf Grundlage der Synchronizitätsvorstellungen von Jung und Pauli und neueren Entwicklungen, wie dem Modell der Pragmatischen Information von Lucadou und der verallgemeinerten Quantentheorie von Atmanspacher, Römer und Walach wird ein heuristisches Modell erarbeitet, das differentielle Aussagen über den Zusammenhang der Psychodynamik mit den AgE der Betroffenen erlaubt und dabei Überlegungen zum ontologischen Status außergewöhnlicher Erfahrungen einbezieht. Es wurde bereits gezeigt, dass das für nichtlokale Verschränkungskorrelationen notwendige Vorliegen komplementärer globaler und lokaler Observablen unter anderem in lebensweltlichen Aspekten wie "Bindung" versus "Autonomie" gegeben sein könnte (Fach 2011a, 2011b).

    Mitarbeiter: Fach

    Kooperationspartner: Dr. Harald Atmanspacher, IGPP, Collegium Helveticum

    Publikationen:

    Atmanspacher, H. & Fach, W. (2013a). A structural-phenomenological typology of mind-matter correlations. Journal of Analytical Psychology; 58: 219-244.

    Atmanspacher, H. & Fach, W. (2013b). Encouraging metaphysics. Journal of Analytical Psychology; 58: 254-257. doi:10.1111/1468-5922.12007

    Fach, W. (2011a). Phenomenological Aspects of Complementarity and Entanglement in Exceptional Human Experiences (ExE). Axiomathes; 21: 233-247.

    Fach, W. (2014). Complementary aspects of mind-matter correlations in exceptional human experiences. In: H. Atmanspacher & C. Fuchs (eds.). The Pauli-Jung Conjecture and Its Impact Today. Exeter: Imprint Academic; 255-273.

    Fach, W. (2011b). "Wir sind eine ganz normale Familie" - Ansätze zur Untersuchung und zum Verständnis außergewöhnlicher Erfahrungen (AgE) am Beispiel eines Spukfalles. In: Mayer G, Schetsche M (Hrsg). N gleich 1. Methodologie und Methodik anomalistischer Einzelfallstudien. Edingen-Neckarhausen: Gesellschaft für Anomalistik; 251-289.

  9. Fundamentale Bewusstseinsmodi
  10. Neben Erfahrungen im kategorialen Bewusstseinsmodus (vgl. 2.) gibt es mentale Zustände, die keine Repräsentationen im klassischen Sinn aktualisieren. In Grenzfällen können sie als mystische oder spirituelle Einheitserfahrungen das Realitätsmodell relativieren und die Trennung von Selbst und Welt aufheben. Dies kann auf zwei verschiedene Weisen geschehen: Regressive Bewusstseinsprozesse können über einen Abbau kategorialer Differenzierung in inhaltsleere, nicht-kategoriale AgE münden, oder instabile Übergangszustände, die gewöhnlich unbewusst bleiben und sich nicht in den Kategorien von Selbst und Welt befinden, in akategorialen AgE aktualisiert werden (Atmanspacher u. Fach, 2005). Ein neuer Ansatz auf Grundlage des Duale-Aspekte-Monismus (vgl. 4) erlaubt es, kategoriale AgE als Repräsentationen und akategoriale und nicht-kategoriale AgE als Realisationen eines zugrundliegenden Holismus aufzufassen.

    Mitarbeiter: Fach, Kooperationspartner: PD Dr. Harald Atmanspacher, IGPP; Collegium Helveticum, Zürich

    Publikationen:

    Atmanspacher, H. & Fach, W. (2005). Akategorialität als mentale Instabilität. In: Belschner, W., Piron, H., Walach, H. (Hrsg.). Psychologie des Bewusstseins. Münster: LIT-Verlag; 74-115.

    Atmanspacher, H. & Fach, W. (in press). Mind-Matter Correlations in Dual-Aspect Monism According to Pauli and Jung. In: Kelly, EF., Crabtree, A., Marshall, P. (eds.). Beyond Physicalism: Toward Reconciliation of Science and Spirituality. Lanham: Rowman & Littlefield.

    Fach, W. (im Druck). Ein psychophysischer Modellansatz zum Verständnis außergewöhnlicher Erfahrungen. In: Heise, P., Hofmann, L. (Hrsg.). Spirituelle Krisen. Stuttgart: Schattauer.

  11. Beratungs- und Interventionsstrategien bei AgE
  12. Im konsistenztheoretischen Modell nach Grawe (1998) strebt der Organismus nach Konsistenz als einer Zielgröße des psychischen Geschehens, die erreicht wird, wenn es dem Menschen gelingt, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Hohe Inkonsistenz ist wesentliche Ursache für vermindertes Wohlbefinden und die Bildung psychopathologischer Symptome. Sie findet sich auch bei mehr als zwei Dritteln der IGPP-Klientel, die angibt, nicht nur stark durch AgE belastet zu sein, sondern zudem unter privaten, gesundheitlichen und psychischen Problemen zu leiden. Etwa die Hälfte der Betroffenen zeigt Symptome und Verhaltensweisen, die auch als Indikatoren einer psychischen Störung angesehen werden können (Belz-Merk u. Fach 2005; Belz 2009; Belz u. Fach 2012). AgE nehmen offensichtlich eine wichtige Funktion zur Herabregulierung von Inkonsistenz ein.

    Mitarbeiter: Fach

    Kooperationspartner: Dr. Martina Belz, Universität Bern

    Publikationen:

    Belz, M. & Fach, W. (2012). Theoretical reflections on counseling and therapy for individuals reporting ExE. In: Kramer, WH., Bauer, E., Hövelmann, GH. (eds.). Perspectives of Clinical Parapsychology. Bunnik: Stichting Het Johan Borgman Fonds; 168-189.

    Fach, W. & Belz, M. (2015, im Druck). Außergewöhnliche Erfahrungen und klinische Psychologie. In: Mayer, G., Schetsche, M., Schmid-Knittel, I., Vaitl, D. (Hrsg.). An den Grenzen der Erkenntnis. Stuttgart: Schattauer.

    Belz, M. & Fach W. (in press). Exceptional Experiences (ExE) in Clinical Psychology. In: Cardeña, E., Palmer J., Marcusson-Clavertz D. (eds.). The Second Handbook of Parapsychology. Jefferson NC: Mc Farland.