Schaufenster ins IGPP-Archiv #1 (20.05.2021)

DAS ALIEN IM WALD - ODER:
DIE TÜCKEN DER WAHRNEHMUNG

von Gerhard Mayer & Jürgen Kornmeier

bild
Abbildung 1. (A): Gesamtbild der Wildkamera, Bereich mit humanoider Gestalt rot markiert. (B): Die humanoide Gestalt vergrößert (mitte) sowie eine Alien-Interpretation (links) und die Eichelhäher-Interpretation (rechts).
Skizzen von G. Mayer; Aufnahmejahr: 2013


Eine Rotte Wildschweine passierte 2013 über mehrere Wochen regelmäßig eine Lichtung im Freiburger Wald, weshalb passionierte Jäger dort eine bewegungssensitive Wildkamera aufstellten. Von einem Tag auf den anderen waren die Tiere dann plötzlich verschwunden, und zeitgleich hatte die Kamera 3 aufeinander folgende Bilder mit einer seltsamen humanoidähnlichen Gestalt von etwa 10 cm Größe aufgenommen (Abbildung 1). Die Jäger vermuteten einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Tiere und der aufgenommenen Gestalt. Man spekulierte über Waldgeister, außerirdische Wesen (Aliens) und auch über die potenzielle Gefahr, dieses Waldareal überhaupt noch zu betreten. Die Spekulationen wurden schließlich weiter befeuert durch Medienberichte über die sog. „Atacama“-Mumie. Diese der Wildkamera-Gestalt sehr ähnliche und auch etwa gleichgroße Mumie hatte im Mai 2013 in den Medien einiges Aufsehen erregt und ebenfalls Spekulationen über Aliens entfacht (Abbildung 2).

bild
Abbildung 2.
Kopf der Atacama-Mumie. Quelle:
Dr. Steven Greer, SiriusDisclosure.com

Eine Jägerin sandte das Bildmaterial schließlich im Juni 2014 an Gerhard Mayer im IGPP, mit der Bitte um eine professionelle Einschätzung. Sie und ihre Jägerkolleg:innen seien zum Schluss gekommen, dass das Objekt auf den Bildern etwas Paranormales sein müsse. Unsere Nachfrage ergab, dass die Jägerin Bilder der „Atacama“-Mumie zu jenem Zeitpunkt im Internet gesehen hatte.

bild
Abbildung 3. Typischer Eichelhäher

Nach intensiver Untersuchung des Bildmaterials fanden eine plausiblere konventionelle Erklärung: Bei dem vermeintlichen „Alien“ handelte es sich höchstwahrscheinlich um einen Eichelhäher (siehe Abbildung 3), der aufgrund der spezifischen Lichtsituation und Verdeckung durch Buschwerk missinterpretiert wurde. Die als Augenhöhlen interpretierten dunklen Flecken sind vermutlich die für einen Eichelhäher typischen dunklen Flecken am Hals. In Abbildung 4 haben wir die 3 Aufnahmen zu einem kurzen Filmchen zusammengesetzt. Hat man eine konkrete Vorstellung von einem Eichelhäher, sind die Vogelkontouren leicht erkennbar.

Diese Fallstudie ist ein interessantes Beispiel für ein allgemeineres Wahrnehmungsproblem: Die Informationen, die uns über unsere Sinne zur Verfügung stehen, sind unvollständig und mehrdeutig. Wir müssen sie mit Informationen aus anderen Quellen gewichten, um schnellstmöglich zur wahrscheinlichsten Wahrnehmungs-Interpretation zu gelangen. Dabei spielen räumlicher und zeitlicher Kontext (z.B. die Acatama-Mumie aus den Medien) eine Rolle, aber auch viele andere Wahrnehmungserfahrungen. Gesichter sind ein sehr prominenter Eintrag in unser Wahrnehmungsgedächtnis, weshalb wir in vielen verschiedenen Objekten sehr schnell ein Gesicht erkennen (sogenannte Pareidolien). Der Eichelhäher fehlte offensichtlich in der Gedächtnissammlung der Freiburger Jäger:innen. Ob es aber tatsächlich einer war − damals im Freiburger Wald − oder vielleicht doch ein Alien, und warum die Wildschweine verschwanden, bleibt ungeklärt.

Abbildung 4. Die drei Bildausschnitte in schneller Folge als Filmchen

 

Bildmaterial aus: Archiv des IGPP, WN3-Gerhard Mayer/Untersuchung „Bilder unserer Wildkamera“ (noch unverzeichnet)

Zu diesem Archivmaterial gibt es drei publizierte Artikel:

(1) Mayer G. & Kornmeier J. (2014). Rätselhafte Objekte auf den Bildern einer Wildkamera oder: die Tücken der Wahrnehmung. Zeitschrift für Anomalistik Band 14, 7-24.

(2) Kornmeier J. Mayer G. (2014) The alien in the forest OR when temporal context dominates perception. Perception 43(11), 1270-1274. [PDF-Anfrage per email]

(3) Mayer, G., & Kornmeier, J. (2019). Mysterious objects in pictures taken by a wildlife camera: The pitfalls of perception. In G. Mayer (Ed.), N equals 1: Single case studies in anomalistics (pp. 297-312). Zürich: LIT.