Schaufenster ins IGPP-Archiv:

#2SICHER SIEGEN
#1DAS ALIEN IM WALD

 

Schaufenster ins IGPP-Archiv #2 (02.07.2021)

„SICHER SIEGEN MIT URI GELLER“:
DER FUSSBALL UND DAS PARANORMALE

von Uwe Schellinger

Sicher siegen mit Uri Geller
Abbildung: Artikel „Sicher siegen mit Uri Geller“ (René Martens), in: Hattrick–Fußballmagazin, März 1997, 38f (Archiv des IGPP, Bestand 40/16)

Eine aus vielerlei Gründen höchst seltsame Fußball-Europameisterschaft 2021 biegt in ihre letzten Spielminuten ein. Deutlich geprägt wurde dieses um ein Jahr verschobene Turnier durch die Folgen der Corona-Pandemie. Vor allem deswegen war bei der EM 2021 vieles nicht normal ...
Dass sogar das Paranormale seinen Platz im professionellen Fußballsport hat und es zahlreiche Bezüge zwischen beiden Sphären gibt, lässt sich vielfach belegen.
So finden sich in den Pressesammlungen des IGPP immer wieder Meldungen über parapsychologisch bemerkenswerte Aspekte aus der Welt des Fußballs. Wer erinnert sich noch an die verblüffenden präkognitiven Talente des Oberhausener Kraken-Orakels Paul (2008-2010) bei der Weltmeisterschaft 2010? Immer wieder hört man von verletzten Spielern, die weniger auf den Mannschaftsarzt, sondern auf einen Wunderheiler hören. Mancherorts wabert das „Abstiegsgespenst“ durchs Stadion und 1954 soll Fritz Walter & Co. der „Geist von Spiez“ geholfen haben. Schließlich wird auch die „geheimnisvolle Verbindung zwischen Astrologie und Fußball“ bemüht, wenn um es Erfolg oder Misserfolg auf dem grünen Rasen geht. Und so weiter.

11 Freunde und 12 Sternzeichen
Abbildung: Buch „11 Freunde und 12 Sternzeichen: Die geheimnisvolle Verbindung zwischen Astrologie und Fußball“ (Thomas Otto Schneider, Köln: StrzeleckiBooks 2020) (IGPP-Bibliothek, Frei 122-I562)

Eine gewisse Rolle spielte hier immer mal wieder der unvermeidliche Uri Geller, allseits präsenter Medien-Star und Fan des FC Reading. Geller will laut eigener Aussagen vor allem bei der EM 1996 in England einige Spiele durch paranormale Aktivitäten beeinflusst haben: Bei den Spielen des englischen Teams grub er hinter den Toren magische Kristalle ein, zudem nötigte Uri Geller – im Auftrag einer Boulevardzeitung im Helikopter über dem Wembleystadion kreisend – angeblich per Gedankenkraft einen zuverlässigen schottischen Elfmeterschützen zum entscheidenden Fehlschuss. Die ThreeLions kamen bekanntlich bis ins Halbfinale, damals wurden sie durch den späteren Europameister Deutschland gestoppt.    
Inbesondere im Kontext der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika im Jahr 2010 wurden verstärkt die magischen Voodoo-Praktiken afrikanischer Nationalmannschaften
thematisiert. Angeblich gehörte dort zu jedem Funktionsteam wie selbstverständlich ein Schamane und auf den Fußballplätzen wurden alle denkbaren Fluch- oder Schutzobjekte eingebuddelt. Die Erzählung von der Fußball-Hexerei war so präsent, dass sie sogar von der Merchandise-Industrie verwertet wurde.

Spielzeug-Voodoo-Puppe zur WM 2010
Abbildung: FooTooKit (Spielzeug-Voodoo-Puppe zur WM 2010) (Fussy deluxe, 2010) (Archiv des IGPP, Objektesammlung, Bestand 8/4)

Voodoo im Strafraum
Abbildung: Buch „Voodoo im Strafraum: Fußball und Magie in Afrika“ (Oliver G. Becker, München: Beck, 2010) (IGPP-Bibliothek, Frei 122-F4VOODOO3)

Als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie erstmals um sich griff, war natürlich auch der Fußball betroffen. Während im Jugend- und Amateurbereich der Spielbetrieb gänzlich eingestellt werden musste, rettete sich der Profifußball der Männer und Frauen mit isolierten Spielen ohne Publikum über die Runden. Schnell war die Metapher der sogenannten „Geisterspiele“ in aller Munde. Welche Geister hier nun gegeneinander spielten oder welche Geister die Tribünen bevölkerten, ist bei dieser Metapher allerdings nicht ganz schlüssig geklärt.

Geisterball
Abbildung: „Geisterball“: Von der Frauenmannschaft des SC Freiburg signierter Spielball ihres letzten Spiels in der Flyer-Alarm-Bundesliga-Saison 2019/2020 am 28.6.2020 (1.FFC Frankfurt-SC Freiburg 0:2) (Leihgabe Archiv des SC Freiburg e.V.)

 

Schaufenster ins IGPP-Archiv #1 (20.05.2021)

DAS ALIEN IM WALD - ODER:
DIE TÜCKEN DER WAHRNEHMUNG

von Gerhard Mayer & Jürgen Kornmeier

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Abbildung 1. (A): Gesamtbild der Wildkamera, Bereich mit humanoider Gestalt rot markiert. (B): Die humanoide Gestalt vergrößert (mitte) sowie eine Alien-Interpretation (links) und die Eichelhäher-Interpretation (rechts).
Skizzen von G. Mayer; Aufnahmejahr: 2013


Eine Rotte Wildschweine passierte 2013 über mehrere Wochen regelmäßig eine Lichtung im Freiburger Wald, weshalb passionierte Jäger dort eine bewegungssensitive Wildkamera aufstellten. Von einem Tag auf den anderen waren die Tiere dann plötzlich verschwunden, und zeitgleich hatte die Kamera 3 aufeinander folgende Bilder mit einer seltsamen humanoidähnlichen Gestalt von etwa 10 cm Größe aufgenommen (Abbildung 1). Die Jäger vermuteten einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Tiere und der aufgenommenen Gestalt. Man spekulierte über Waldgeister, außerirdische Wesen (Aliens) und auch über die potenzielle Gefahr, dieses Waldareal überhaupt noch zu betreten. Die Spekulationen wurden schließlich weiter befeuert durch Medienberichte über die sog. „Atacama“-Mumie. Diese der Wildkamera-Gestalt sehr ähnliche und auch etwa gleichgroße Mumie hatte im Mai 2013 in den Medien einiges Aufsehen erregt und ebenfalls Spekulationen über Aliens entfacht (Abbildung 2).

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Abbildung 2.
Kopf der Atacama-Mumie. Quelle:
Dr. Steven Greer, SiriusDisclosure.com

Eine Jägerin sandte das Bildmaterial schließlich im Juni 2014 an Gerhard Mayer im IGPP, mit der Bitte um eine professionelle Einschätzung. Sie und ihre Jägerkolleg:innen seien zum Schluss gekommen, dass das Objekt auf den Bildern etwas Paranormales sein müsse. Unsere Nachfrage ergab, dass die Jägerin Bilder der „Atacama“-Mumie zu jenem Zeitpunkt im Internet gesehen hatte.

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Abbildung 3. Typischer Eichelhäher

Nach intensiver Untersuchung des Bildmaterials fanden eine plausiblere konventionelle Erklärung: Bei dem vermeintlichen „Alien“ handelte es sich höchstwahrscheinlich um einen Eichelhäher (siehe Abbildung 3), der aufgrund der spezifischen Lichtsituation und Verdeckung durch Buschwerk missinterpretiert wurde. Die als Augenhöhlen interpretierten dunklen Flecken sind vermutlich die für einen Eichelhäher typischen dunklen Flecken am Hals. In Abbildung 4 haben wir die 3 Aufnahmen zu einem kurzen Filmchen zusammengesetzt. Hat man eine konkrete Vorstellung von einem Eichelhäher, sind die Vogelkontouren leicht erkennbar.

Diese Fallstudie ist ein interessantes Beispiel für ein allgemeineres Wahrnehmungsproblem: Die Informationen, die uns über unsere Sinne zur Verfügung stehen, sind unvollständig und mehrdeutig. Wir müssen sie mit Informationen aus anderen Quellen gewichten, um schnellstmöglich zur wahrscheinlichsten Wahrnehmungs-Interpretation zu gelangen. Dabei spielen räumlicher und zeitlicher Kontext (z.B. die Acatama-Mumie aus den Medien) eine Rolle, aber auch viele andere Wahrnehmungserfahrungen. Gesichter sind ein sehr prominenter Eintrag in unser Wahrnehmungsgedächtnis, weshalb wir in vielen verschiedenen Objekten sehr schnell ein Gesicht erkennen (sogenannte Pareidolien). Der Eichelhäher fehlte offensichtlich in der Gedächtnissammlung der Freiburger Jäger:innen. Ob es aber tatsächlich einer war − damals im Freiburger Wald − oder vielleicht doch ein Alien, und warum die Wildschweine verschwanden, bleibt ungeklärt.

Abbildung 4. Die drei Bildausschnitte in schneller Folge als Filmchen

 

Bildmaterial aus: Archiv des IGPP, WN3-Gerhard Mayer/Untersuchung „Bilder unserer Wildkamera“ (noch unverzeichnet)

Zu diesem Archivmaterial gibt es drei publizierte Artikel:

(1) Mayer G. & Kornmeier J. (2014). Rätselhafte Objekte auf den Bildern einer Wildkamera oder: die Tücken der Wahrnehmung. Zeitschrift für Anomalistik Band 14, 7-24.

(2) Kornmeier J. Mayer G. (2014) The alien in the forest OR when temporal context dominates perception. Perception 43(11), 1270-1274. [PDF-Anfrage per email]

(3) Mayer, G., & Kornmeier, J. (2019). Mysterious objects in pictures taken by a wildlife camera: The pitfalls of perception. In G. Mayer (Ed.), N equals 1: Single case studies in anomalistics (pp. 297-312). Zürich: LIT.