Zusammenfassung
Vor jeder kognitiven Kategorienbildung wird unser phänomenales Erleben durch eine kategoriale Unterscheidung von Selbst und Welt strukturiert, die im gewöhnlichen Tageswachbewusstsein unhintergehbar ist. Zumeist sind außergewöhnliche Erfahrungen (AgE), mit denen sich Ratsuchende an das IGPP wenden, kategoriale AgE im Rahmen dieses zweigeteilten Realitätsmodells. Beispielsweise gelten „außersinnliche“ Wahrnehmungen als außergewöhnlich, weil sie die vorausgesetzte Dichotomie auf ungeklärte Weise zu überbrücken scheinen.
Daneben gibt es jedoch auch AgE, bei denen sich die erlebte Realität grundlegend verändert. Phänomenologisch ist das in zwei Richtungen möglich: Vom Tageswachbewusstsein zum Unbewussten hin kann ein präkategoriales Erleben über eine zunehmende Abschwächung der Selbst-Welt-Differenzierung und eine Auflösung raumzeitlicher Orientierung in leiblich-organismische Zustände und zu nichtkategorialen AgE führen. Umgekehrt kann ein transkategoriales Erleben in Richtung eines „Überbewussten“, beispielsweise in Flow- oder meditativen Zuständen, die Dualität von Selbst und Welt überschreiten und in Einheitserfahrungen münden, die als akategoriale AgE bezeichnet werden.
Auf konzeptueller Ebene lässt sich begründen, dass nichtkategoriale und akategoriale Modi permanent am mentalen Geschehen beteiligt, dem Bewusstsein gewöhnlich aber entzogen sind. Mit Beispielen veranschauliche ich die phänomenologischen Qualitäten und Unterschiede nichtkategorialer und akategorialer AgE. Obwohl sie die dichotome Struktur des phänomenalen Realitätsmodells auf entgegengesetzten Wegen verlassen, stellt sich die Frage, ob beide auf etwas verweisen, das sich als „Anderes“ weder in epistemischen Kategorien wie Selbst und Welt noch in ontologisch gedachten Kategorien wie Geist und Materie fassen lässt.
Das Tao, das sich aussprechen lässt, ist nicht das ewige Tao. (Laotse, Tao Te King, Kap. 1)
